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Analoge Fotografie

Die digitale Fotografie ist toll. Man sieht mittlerweile bereits während der Aufnahme wie das Bild wird, bei Bedarf sogar in S/W. Liegt die Belichtung mal daneben lässt sich im RAW Konverter immer noch so ziemlich Alles retten. Die Fotos kosten kein Geld, nur die monatliche Gebühr für Lightroom und Photoshop fällt wirklich als Ausgabe an. Warum sollte man also plötzlich wieder alte Technik die noch dazu Geld kostet verwenden?

Ich startete meine fotografische Reise 2012 mit dem Kauf einer digitalen Kamera. Sicher hatte ich in den 90er Jahren so eine kompakte Knipse, die ich auch immer wieder mal mit verschiedenen Filmen befüllte. Das waren aber meistens Party und Familienknipsereien die dann beim Discounter entwickelt wurden. Seit 2014 arbeite ich aktiv als Portraitfotograf und bin in dieser Zeit bei einigen Kameras und Herstellern hängen geblieben. Nikon, Sony, Fuji und Olympus haben so einiges an Geld von mir bekommen. Man ist in Foren unterwegs und kommt immer mehr in den Strudel, dass man gewisses Equipment “braucht” um überhaupt fotografieren zu können.

Dank eines befreundeten Fotografen wurde ich zum Glück aus dieser Spirale gerissen und es zählte seit 2017 der Mensch vor der Kamera, und nicht mehr das Objektiv für 2.000 und mehr, um ein tolles Foto zu machen. Ich wurde auch in der Bildbearbeitung und Erzeugung von Looks immer besser und versuchte diverse Filme zu “simulieren”. Firmen wie VSCO und Capture One bieten hier eine Fülle von Presets an, die als Grundpreset richtig gut sind, um den eigenen Stil zu finden. Bei den digitalen Kameras blieb ich für die geplanten Shootings bei der Sony A7III und für Immerdabei meine optisch bisher schönste Kamera, die Fuji X100F.

Trotzdem verfolgte ich auf diversen Portalen immer wieder die großen Film und Analog Seiten. Weil mir das keine Ruhe lies, startete ich vor ein paar Monaten das Projekt Analoge Fotografie. Es sollte auf alle Fälle teuer und lehrreich werden, aber auch tolle Ergebnisse liefern.

Kurzum ich verkaufte einen nicht benötigten Teil meiner digitalen Ausrüstung und kaufte mir eine alte Minolta XD-7 mit 50mm Objektiv, eine Mamiya 645 mit 80mm und 150mm und eine Zenza Bronica mit 40mm und 150mm Objektiv. Wenn schon denn schon richtig starten.

Zum Entwickeln war es für den Anfang das Starterset von Fotoimpex, das ich sehr empfehlen kann. Somit war klar, S/W Filme selber entwicklen, Farbfilme zum Discounter oder örtlichem Fotolabor.

Da saß ich nun mit meinen neuen Kameras und hatte so überhaupt keinen Plan was ich damit machen sollte. Also wurde tagelang im Internet recherchiert. Hier hört man plötzlich von Entwicklern, Fixierer, Fotochemie, C41 usw. und sofort. Zum Glück wurde mir im Forum sehr geholfen und ich konnte erfolgreich meinen ersten Film, den Kodak Ektachrome durch die XD-7 jagen. In der Zenza lies ich erstmal einen Ilford HP5+ durch.

Die Ergebnisse waren mild gesagt, “ernüchternd”. An der XD-7 waren fast alle Bilder unscharf und an der Zenza pfuschte ich bei der Entwicklung, so dass nur ein paar Bilder brauchbar waren. Fehlbelichtungen durch die Handyapp bei der Zenza waren hier noch das geringste Problem.

Ich merkte schnell, dass für meine Art der Fotografie manuelle Kameras ohne Belichtungsmesser und mit manuellem Fokus nicht wirklich zielführend sind. Gerade wenn das Model einen Krampf im Gesicht bekommt, während man manuell fokussiert, war mir das dann zu heftig. Zwischenzeitlich kaufte ich mir noch für 35mm Film die Canonet QL-17 III die optisch genau mein Ding ist, sich aber trotzdem zu manuell angefühlt hatte.

Auch überzeugten mich die Ergebnisse mit dem Entwickler Rodinal und 35mm Film nicht wirklich. Das “rauscht” dann schon wie wenn man eine digitale auf ISO 51.200 betreibt.

Im Endeffekt bin ich nach dem Verkauf der Zenza, Mamiya und XD-7 bei folgenden Kameras hängen geblieben:

Für 35mm die Kompaktkamera Chinon Auto 3001. Eine komplett automatisierte Kamera, mit tollem 35mm 2.8 Objektiv, Blitz, Selbstauslöser und Aufhellblitzmodus bei Tageslicht. Die perfekte kleine Kamera für 35mm und Immerdabei. Sicher kann man weder die Blende oder die Zeit manuell steuern, dafür bekomme ich aber eine Point and Shoot Kamera mit Autofokus.

Auch für 35mm die Fujica ST801 meines Vaters. Ich konnte sie dank ein paar Tricks aus dem Netz wieder fit machen durch wechseln der Lichtdichtungen. Ein schönes Stück Nostalgie, die aber Aufgrund des persönlichen Hintergrund mehr in der Vitrine steht, als benutzt zu werden.

Für 120mm die Mittelformat Pentax 645N mit 150mm 2.8 Objektiv und ganz wichtig Autofokus! Für die geplanten Shootings mit Models ist es einfach entspannter einen AF zu haben. Die Kamera belichtet noch dazu die Daten in den Film, so weiß man immer die Parameter der Aufnahme. Warum gerade die Pentax 645N? Ich mag das 6×4,5 Format sehr gerne. Bei Portraits ist das Seitenverhältnis sehr gefällig und ich kann besser damit umgehen. Bei der Zenza Bronica mit dem 6×6 Format wusste ich irgendwie nie, wie ich das Bild gestalten soll.

Diese drei Kameras sind nun geblieben. Bei den Filmen bin ich auch nicht so wählerisch. Es gibt hier eine riesige Auswahl bei diversen Onlinehändlern, für mich sind es aber nach längerem testen folgende Filme geworden:

35mm: Kodak Gold 200 den ich schon als Preset bei digital gerne benutzt habe. Tolle warme Farben und ISO 200 ist okay für Tageslichtfotografie.

35mm: Agfa AP400 oder FOMA 400. Diese benutze ich gerne zum Testen und für allgemeine Fotografie. ISO 400 ist für Tageslicht an der Chinon oft zu viel. Ich mag es aber trotzdem flexibel zu sein.

120mm: Ilford HP5+ mein Allroundfilm für S/W Fotografie. ISO 400 ist okay für Tageslicht um die Blende aufmachen zu können. In Kombination mit dem 150mm 2.8 der Pentax für Aufnahmen bei wenig Licht auf alle Fälle perfekt.

120mm: Fuji 400h Pro lässt sich auch toll in S/W umwandeln und erzeugt genau die Farben die ich mag. Hier benutzte ich auch digital früher schon das Preset von VSCO etwas abgewandelt um genau diese Farben zu bekommen.

Kodak Portra 400 kann ich hier auch noch erwähnen hat mir aber von den Farben nicht so gut wie der Fuji gefallen. Benutze ich aber immer wieder mal.

Warum jetzt aber analog fotografieren? Was hat es mir wirklich gebracht? Man bemüht sich auf alle Fälle das perfekte Bild zu machen. Ich achte mehr auf die Details und kommuniziere noch mehr mit dem Model. Wir sprechen uns ab und erarbeiten uns dadurch tolle Bilder. Gerade bei der 645N passen genau 16 Bilder auf einen Film und davon kostet jedes Geld.

Bis jetzt bin ich bei den Shootings immer zweigleisig gefahren, also analog und digital zu fotografieren einfach um die Sicherheit zu haben, gute Fotos abzuliefern. Trotzdem waren bei den analogen Fotos immer mindestens 5-10 richtig gute Fotos pro Film dabei. Das heißt im Umkehrschluss man braucht keine 100 Bilder der gleichen Szene zu machen. Es reichen oft ein paar sehr gut durchdachte Fotos.

Ich fotografiere aber auch analog, weil ich die Anmutung von Film mag. Die Bilder haben eine Weichheit, gerade in den Lichtern sind die Übergänge weniger hart wie bei digital, wie man hier schön sehen kann. Sicher ist das Geschmacksache wie so oft, aber mir gefällt es.

Sony A7III
ILFORD HP5+

Wie verarbeite ich meine analogen Bilder nun? Die S/W Bilder entwickle ich selber daheim mit einer Entwicklerdose und diversen Chemikalien. Den Prozess hierfür erkläre ich nicht. Nur ein schnelles Bild des gesamten Equipment an dieser Stelle:

Im Internet gibt es dafür genug Anleitungen und Videos. Ich kann aber die App Massive Dev Chart empfehlen. Hier hat man alles was man braucht. Man gibt einfach seinen Film, das Format und den Entwickler an und schon bekommt man per Timer genau gezeigt wie lange man den Film entwickeln muss. Ich halte mich lediglich nicht an die extremen Wässerungszeiten des Films in der App, da ich diese für Wasserverschwendung halte. Hier ist die Anleitung vom Starter Set seitens Fotoimpex viel Wasser sparender. Trotzdem eine tolle App.

Bei Farbe habe ich mich vorerst entschieden entwickeln zu lassen. Hier bin ich wirklich von Rossmann überrascht. Die Qualität ist sehr gut. Wenn ich auf Nummer sicher gehen will, lasse ich aber beim örtlichen Fotohändler bei uns in der Stadt entwickeln. Das kostet zwar etwas mehr, dafür verlässt der Film das Labor nicht und kann nicht verloren gehen.

Die Digitalisierung führe ich dann mit einem Set aus Stativ, meiner Sony Kamera, günstigem Macro, Leuchtplatte von Amazon für 30 Euro und den wirklich guten Lomographie Filmhaltern durch. Ein reiner Filmscanner war mir hier schlichtweg zu teuer und schneller bin ich mit diesem Setup auch. Großer Nachteil ist natürlich, dass die Scanprogramme Staub und Flecken automatisch entfernen, das muss ich in diesem Fall selber machen.

Dafür lässt sich dann später auf das RAW Nates Negative Lab anwenden, dass ich mir für Lightroom gekauft habe. Die Ergebnisse sind einfach genial und ist es oft nicht nötig noch viel an den Fotos zu machen.

Für wen ist die Analoge Fotografie nichts? Ich würde sagen ungeduldige Naturen sollten sich das nicht antun. Von der Entwicklung bis zum Bild am Rechner kann schon ein ganzer Abend vergehehen. Entwickeln dauert meistens 10-20 Minuten, danach 2h trocknen, abfotografieren und durch Lightroom jagen, und das bei vielleicht 16 Fotos. Wenn ich Farbbilder habe muss ich auch noch auf die Entwicklung warten und den Film zum Discounter oder ins Fotogeschäft bringen und wieder abholen.

Genauso wenig würde ich die analoge Fotografie für Leute empfehlen die kein Geld dafür bezahlen wollen. Ich komme gerade bei Selbstentwicklung auf ca. 10 Euro pro Film und bei Farbfilm kommt die Entwicklung durch das Labor noch dazu. Ich habe mal so ca. 35 Euro pro Shooting angesetzt die mir die analoge Fotografie kostet. Bei 15 – 20 Shootings im Jahr kommt da schon Einiges zusammen.

Abschließend kann man darüber streiten ob die Analoge Fotografie noch eine Berechtigung hat. Im Prinzip digitalisiert man die Ergebnisse ja doch wieder um sie im Netz, oder auf diversen Portalen zu zeigen. Ich für mich finde es einfach fesselnd den Entstehungsprozess zu begleiten und aus einem Stückchen Film am Ende ein Foto zu haben. Somit lasse ich an dieser Stelle ein paar Fotos der letzten Monate sprechen, die auch digital möglich gewesen wären, aber trotzdem ein Gewisses etwas haben. Vielleicht ist es auch einfach nur Einbildung 😉